"Wir kommen in Frieden" war das Motto des 27. Chaos Communication Congress'. Jedenfalls für einige Vorträge hätte man anfügen können: "Auch wenn's nicht so aussieht." Wieder einmal gab es viel Instruktives, Innovatives und durchaus auch Irritierendes zu hören und zu
sehen.
In Fortsetzung seiner letztjährigen Präsentation hat beispielsweise Karsten Nohl gezeigt, wie man mit einem 15-Euro-Handy und ein bisschen Kleinkram anderer Leute Mobiltelefonate
abhören kann. Überhaupt scheint der Mobilfunk-Standard GSM in letzter Zeit besonders viel Interesse auf sich gezogen zu haben: Nohls Kollege Collin Mulliner erläuterte, wie sich Handys durch eine von ihm so getaufte "
SMS-o-Death" von Ferne abschalten oder sogar komplett funktionsuntüchtig machen lassen. Der ebenfalls schon bekannte Harald Welte zeigte, wie man eigene, freie GSM-Software auf einem handelsüblichen Handy zum
Laufen bringen kann. Dadurch wird es möglich, nicht nur Anwendungsdaten, sondern beliebigen Netzwerkverkehr über ein GSM-Netzwerk zu versenden – was eigentlich nur heißt, das man machen kann, was man will. Das Fazit der GSM-Vorträge ist also: Die geschätzten Herrschaften Hacker fühlen sich inzwischen in Mobilfunknetzen ebenso wohl wie in herkömmlichen Ethernet-Kabelnetzen – mit allen positiven wie negativen Sicherheitsimplikationen, die ihre Betätigungen so mit sich bringen.
Eine zweite Sensation des 27C3 lieferten die Mannen von failOverflow. In einem recht technischen, aber dennoch unterhaltsamen
Vortrag haben sie illustriert, wie sie die PlayStation 3 endgültig geknackt haben. Im Zuge ihrer Präsentation haben sie außerdem Sony, den Hersteller der PS3, in mehr als beschämender Weise bloß gestellt: Jeder der zahlreichen Sicherheitsmechanismen der PS3 wurde mangelhaft umgesetzt und folgerichtig ausgehebelt. Die Krone der Peinlichkeit ist die Implementierung eines Zufallsgenerators – ein solcher ist für viele Krytographiefunktionen unerlässlich und von der Zufälligkeit seiner Ausgaben hängt die Sicherheit der Verschlüsselung ab. Sony hat einen Zufallsgenerator verwendet, der immer dieselbe Zahl ausspuckt. Immer dieselbe Zahl. Peinlicher geht's nicht.
Das Ergebnis dieses Totalversagens lautet: Durch den failOverflow-Hack kann beliebiger Code signiert werden, sodass er von der PS3 akzeptiert und ausgeführt wird. Der dazu nötige Schlüssel lässt sich beispielsweise beim PS3-Hack-Veteranen geohot
nachlesen. Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, bis Linux-Distributionen zum Download bereit stehen, die auf jeder Play Station 3 laufen. Möchtegern-Raubkopierer von PS3-Spielen werden jedoch enttäuscht sein: Keiner der beteiligten Hacker befürwortet Datenpiraterie. Von ihnen ist also in dieser Hinsicht keine Hilfe zu erwarten. Das war aber auch nicht der Grund für den Hack. Tatsächlich waren die Jungs vor allem verärgert, dass Sony Linux von der Spielkonsole verbannt hat. Lange Zeit ließ sich auf der PS3 ein Speziallinux starten und solange wurde sie auch nicht gehackt. Nachdem allerdings Sony diese "Other OS"-Option mit der PlayStation Slim und vorgeschriebenen Firmwareupdates abgeschaltet hat, brach der Hackerfuror los. Danach dauerte es nur ein Jahr, bis die PS3 geknackt war, womit sie übrigens ziemlich genauso lange durchgehalten hat wie vor ihr Wii und XBox 360. Die Moral von der Geschicht'? Linux ist unvermeidlich, auf die eine oder andere Art findet es seinen Weg auf jedes Gerät.
Mein persönlicher
Lieblingsvortrag auf dem 27C3 war allerdings der von Steven J. Murdoch. Bereits im letzten Jahr war klar geworden, dass das Bezahlen mittels PIN-geschützter Kredit- oder Bankkarten unsicher ist. Ein technisch versierter Betrüger kann sich in die Kommunikation zwischen Bank und Bezahlterminal einklinken und eine beliebige PIN verwenden, um die Transaktion zu autorisieren. Interessant an Murdochs Vortrag war aber nicht die Weiterentwicklung der dazu notwendigen Technik, sondern seine Darstellung der Reaktionen der Banken und Kreditkartenunternehmen. Die Ignoranz und die Arroganz, die aus den Stellungnahmen hervorgehen, sind in der Tat atemberaubend. Sie reichen sinngemäß von "Verbrecher sind zu blöd dafür" bis zu "nehmen Sie das offline, das passt uns nicht". Glücklicherweise reicht auch die geballte Macht des europäischen Bankensektors nicht, um die da gewünschte Zensur durchzusetzen – und genau diese Erkenntnis machte mir Murdochs Präsentation so sympathisch.