Von meinem geschätzten Mitbewohner habe ich mal erfahren, dass die gefährlichste Situation in einer Schlägerei die ist, wenn einer der Beteiligten am Boden liegt und der andere – oder die anderen – den am Boden Liegenden treten. In dieser misslichen Situation befindet sich gerade Sony, jedenfalls im Hinblick auf die IT-Sicherheit des Konzerns. Seit dem K.O.-Treffer, den der bisher folgenreichste Hack aller Zeiten darstellte, kriegen die Japaner einen virtuellen Tritt nach dem anderen in ihre Server.
Zur Erinnerung: Angefangen hatte alles damit, dass die Verantwortlichen bei Sony ihrer Spielkonsole PlayStation 3 durch ein Firmware-Update ein Feature entzogen hatten, das den Nutzern ein Linux-Betriebssystem bereitstellte. Nach dieser Kastrierung dauerte es folgerichtig nur wenige Monate, bis die zuvor ungehackte PS3 geknackt wurde. Wie Kleinkinder mögen es auch Hacker nun mal nicht, wenn man ihnen ihre Spielzeuge wegnimmt. Erfolgreichster und daraufhin auch bekanntester PS3-Hacker war George Hotz alias geohot. Ihn
verklagte Sony vor einem kalifornischen Gericht, weil er angeblich der Raubkopiererei Vorschub geleistet habe. Das Verfahren endete mit einem außergerichtlichen
Vergleich.
Doch damit hatte der Ärger für Sony erst angefangen: Wenig später drangen Unbekannte – hochwahrscheinlich als Rache für das Vorgehen gegen geohot – in die Server des Playstation Networks ein und stahlen die unverschlüsselten (!) Daten von etwa 77 Millionen PSN-Benutzerkonten. Daraufhin schaltete Sony das PSN ab. Insgesamt 23 Tage blieb das Netzwerk offline, PlayStation-Besitzer konnten nicht gegen- oder miteinander spielen, niemand konnte Games oder Demos herunterladen. Der finanzielle Schaden für Sony ging in die Milliarden. Erst am 15.Mai wurde das Netzwerk wieder hochgefahren, aber damit war das Leid noch lange nicht vorbei.
Die PSN-Nutzer, die inzwischen natürlich unter recht deutlichen Spiel-Entzugsentscheidungen litten, mussten nach der Wiederauferstehung des PSNs logischerweise ihre Passwörter ändern. Um das zu ermöglichen, sollten sie ihre E-Mail-Adresse und ihr Geburtsdatum angeben. Diese Informationen gehörten allerdings zu den Daten, die gestohlen worden waren. Die Datendiebe hätten also die Passwörter aller PSN-User gleich noch einmal
klauen können. Die Passwortreset-Seite musste wieder vom Netz genommen werden. Die Verantwortlichen bei Sony beweisen auch nach dem Hack, dass sie nichts begriffen haben.
Aber auch damit war es nicht genug: Eine thailändische Sony-Seite wurde
gehackt. Von dort wurden Besucher auf eine gefälschte Webseite einer italienischen Bank gelenkt, die dazu dienen sollte, ihnen Zugangsdaten und Kreditkarteninformationen zu entlocken. Zwar hat dieser Hack nicht direkt mit Sonys anderen Niederlagen zu tun, aber auch er illustriert die mangelhafte Sicherheitslage bei den Japanern.
Und es geht noch weiter: Ein Tochterunternehmen von Sony namens So-net ist in der zurückliegenden Woche ebenfalls
gehackt worden. Bei So-net handelt es sich um einen Internet-Serviceprovider, also eigentlich Leute vom Fach. Ganz fachmännisch urteilen die Zuständigen dementsprechend, dass es keinen Zusammenhang mit den restlichen Sony-Hacks gäbe, weil die Angreifer "anders" vorgegangen seien. Beeindruckende Expertise.
Es gibt das berühmte Sprichwort, Sicherheit sei eine Kette, sie reiße am schwächsten Glied. Bei Sony gibt es auch eine Kette in der IT-Sicherheit, nämlich eine Kette von sehr peinlichen Vorfällen. Aber die scheint nicht abzureißen.