Die britische Zeitung "The Guardian" hat den Spieß der Peinlichkeiten umgedreht und zahlreiche, bildhafte Einzelheiten zu den Sex-Vorwürfen gegen WikiLeaks-Vater Julian Assange
veröffentlicht. Damit ist es endlich soweit: Jeder Anstand darf in der Auseinandersetzung rund um Julian Assange nunmehr vergessen werden. Der "Guardian" schildert die Abläufe, aus denen die Vorwürfe gegen Assange konstruiert werden, in solcher Detailliertheit, dass man als Leser glauben könnte, dabei gewesen zu sein. Etwas zartbesaitetere Gemüter könnten sich nach der Lektüre regelrecht beschmutzt fühlen.
So ist unter anderem die Rede davon, dass Assange bei einer der zwei Beschwerde führenden Damen "irgendetwas" mit dem verwendeten Kondom gemacht habe, sodass es während des – wohlgemerkt einvernehmlichen – Geschlechtsverkehrs platzte. Die andere Beschwerdeführerin gibt an, Assange hätte mir ihr Sex gehabt, während sie schlief. Sie erwachte von seinen Avancen und stellte fest, dass er kein Kondom benutzte, ließ ihn jedoch gewähren.
Die im "Guardian" geschilderten Einzelheiten reichen noch um einiges weiter, sogar ein Exfreund einer der Assange-Gespielinnen wird mit Aussagen zu deren sexuellen Gewohnheiten zitiert. Allein, was von all dem einem gerichtlichen oder öffentlichen Erkenntnisgewinn dienen soll, bleibt im Dunkeln. Jedes noch nicht völlig sexverklebte Gehirn könnte obendrein überlegen, wo die strafrechtliche Relevanz des Ganzen liegen soll. In beiden Fällen haben die Damen sich dem Sex nicht entzogen, geschweige denn aktive Gegenwehr in Wort oder Tat geleistet. In dem Bewusstsein, dass die chauvinistische "Sie-hat-es-doch-nicht-anders-gewollt"-Tretmine nicht weit weg liegt, muss die Frage erlaubt sein, ob Assange hätte wissen können, dass das, was tat, von der jeweils Beteiligten nicht erwünscht oder zumindest toleriert war.
Es sei des Weiteren gestattet, die Überzeugungskraft der Darstellung in Zweifel zu ziehen. Assange soll "irgendetwas" mit einem Kondom gemacht haben, damit es platzt? Mal im Ernst: Er hatte sowieso vor, es zu verwenden. Wozu hätte er es beschädigen sollen? Um mit einer ihm praktisch unbekannten Frau gegen deren Willen Kinder zu zeugen? Oder damit sie am nächsten Morgen die "Pille Danach" nimmt? Das klingt nicht sehr glaubwürdig. Im zweiten Fall soll Assange Sex mit einer schlafenden Frau gehabt haben, die allerdings kurz zuvor für das gemeinsame Frühstück eingekauft und sich danach nochmal zu ihm gelegt hatte. Von einem Drogenkoma oder dornröschenartigem Tiefschlaf wird also keine Rede sein können. Und diese Frau ist erst aufgewacht, als sich – metaphorisch gesprochen – der Schlüssel im Schloss drehte? Auch das ist nicht sehr überzeugend.
Die Glaubwürdigkeit wird noch weiter dadurch beschädigt, dass der britische "Guardian" seine Quelle nicht benennt. Warum und woher die Zeitung ihre Informationen hat, verschweigt sie. Damit illustriert sie zugleich einen zentralen Unterschied zwischen herkömmlichem Journalismus und WikiLeaks: Im Falle des "Guardians" muss der Nachrichtenkonsument den bearbeitenden Journalisten, ihren Motiven und ihren Interpretationen vertrauen. Er kann nicht hinter die Kulissen sehen. WikiLeaks hingegen besteht nur aus dem Blick hinter die Kulissen. Alle Motivationen liegen von vornherein offen und Interpretationen finden nicht statt.
Und noch ein weiterer Unterschied zwischen "Guardian" und WikiLeaks tritt zu Tage: Assange wäre zu so etwas wie einer Schmutzkampagne gar nicht in der Lage, denn er könnte nicht mit Unterstellungen und Implikationen arbeiten. Er hat nur die nüchternen, oft drögen Fakten. Umgekehrt jedoch wird das halbpornographische Vergewaltigungskopfkino, das der "Guardian" mit seinem Hörensagen-Protokoll bei zahllosen Medienkonsumenten rund um die Welt ausgelöst hat, nie wieder ganz verblassen. Die schmutzigen Bilder bleiben haften, selbst wenn Assange freigesprochen wird.
Die erwähnten Medienkonsumenten werden zu entscheiden haben, welche Art der Berichterstattung die der Zukunft sein wird.